Keine Spechte in Sicht - Spessart 2024
Eins der Mittelgebirge, die mir mehr so sprichwörtlich bewusst waren (alte schlechte Heimat-Schinken, anyone?), das aber tatsächlich existiert: der Spessart. Der Name leitet sich wohl ab von alten Wörtern für "Specht" und "Hardt" (Bergwald), so dass die entsprechenden Wanderwege (Spessartweg 1 bis 3) dann auch mit einem Specht markiert sind. Wir hatten diesmal keinen durchgehenden Wanderweg geplant, sondern uns eine Strecke aus mehreren Teilen verschiedener Wege zusammengestückelt: ein großes Stück Spessartweg 3, ein kleines Spessartweg 1 und dazwischen noch ein wenig einfache Waldwege sollten uns von Steinau an der Straße bis nach Langenprozelten bringen. Anders als die beiden Jahre zuvor diesmal kein Rundweg, was die Logistik natürlich etwas schwieriger macht, aber dafür immer neue Ausblicke bietet.
Leider konnte Lütti dieses Mal nicht mitkommen. Dafür wollte Marcus gern man ausprobieren, wie man sich denn so die Füße plattläuft (und die sollten zumindest mir dieses Jahr tatsächlich große Probleme bereiten, aber dazu später mehr).
Anreise
Die Anreise war dieses Mal gar nicht so lang. Knapp 2 Stunden mit dem Auto bis nach Schlüchtern, wo wir ein Hotel für die Nacht gebucht hatten. Eins von diesen lustigen "Automatikhotels", die mehr wie Schlaf-Schließfächer funktionieren: auf der grünen Wiese, in... sagen wir "günstiger" Containerbauweise einige Zimmer mit Türen direkt nach draußen, Parkplatz davor, öffnen des Zimmers per App. Dafür billig und für einzelne Nächte verfügbar (was manchmal ein Problem sein kann bei eher traditionell geführten Häusern, wo die kleineren Unterkünfte den Aufwand der Einzelübernachtung durchaus mal scheuen). Die Zimmer sind übrigens normal groß und mit eigenem Bad. Nur die Bedienung ist halt wie eine Packstation...
Am ersten Abend haben wir uns in Schlüchtern noch ein wenig Japanisch im NAOGHI gegönnt. Nettes kleines Restaurant, etwas chaotischer Charme, sehr gutes Essen. Die gesalzenen Edamama als Snack waren brillian, das Sushi ebenso lecker. Der Rest des Abends in unserem Schließfach war dann eher unspektakulär und kurz. Wir wollten am nächsten Morgen relativ früh los.
Tag 1 - Zurück in die 80er: Steinau nach Bad Orb
Unser Tag startete recht früh und (ungewöhnlich für eine Wanderung) erstmal mit Auto und Zug. Nach einem leckeren Frühstück im örtlichen Bäcker ging es erstmal mit dem Auto zum Bahnhof. Das Problem wie so oft: irgendwo muss das Auto ja stehen, während wir wandern. Am Schließfachhotel ging da nix, aber am Bahnhof gab es einen Langzeitparkplatz zu erträglichen Konditionen. Das war letztlich auch der Grund, wieso wir in Schlüchtern, statt direkt in Steinau starten wollten. Um es streckentechnisch nicht gleich zu übertreiben, fuhren wir erstmal mit dem Regionalzug von Schlüchtern nach Steinau. Man merkt schon den bahntechnischen Einzugsbereich des nahen Frankfurts. Schlüchtern und Steinau liegen an der Kinzigtalbahn, eines Teils der Fernverkehrsstrecke Frankfurt - Göttingen. Dementsprechend fahren Züge eben öfter als nur alle Stunde und es sind auch ein paar mehr Fahrgäste unterwegs, von Schulklassen über Pendler.
Unsere Fahrt war allerdings nur ein kurzer Hüpfer von 6 Minuten Fahrzeit zwischen zwei benachbarten Stationen, so dass wir kurz nach dem Start dann auch schon wirklich loslaufen konnten. Der Bahnhof in Steinau war für unsere Wanderung günstig gelegen. Nur ein paar kurze Schritte durch ein Wohngebiet und wir waren raus aus dem Ort auf dem Weg zu Kinzigtalsperre. Dieser erste Abschnitt ist leider etwas laut, da er auf dem Radweg neben der K987 entlangführt, die für eine Kreisstraße erstaunlich befahren ist. Lanschaftlich trotzdem OK, weil zwischen Bäumen, aber eben mit Geräuschkulisse. Und Open-Air-Kunst. Die war dafür ganz witzig.


Nach einem kurzen Ausflug auf den Staudamm kommt man dann auch von der Straße weg und wandert etwas abgeschiedener die letzten Meter in Richtung Ahl. Dort haben wir dann das Tal verlassen und uns über den Berg in Richtung Hirschbornteiche aufgemacht. Unser Ziel für den Tag war ja eigentlich Bad Orb, was man auch wesentlich direkter erreichen kann. Dafür müsste man dann aber immer in dem (recht lauten) Tal der A66 bleiben. Da haben wir lieber ein paar Kilometer draufgelegt und die Stille im Wald genossen.
Von den Hirschteichen ging es dann gleich über den nächsten Höhenzug in Richtung Haselquelle. Dort findet sich dann auch ein Wirtshaus im Spessart (OK, nicht das Wirtshaus. Nur ein Wirtshaus.) Das hatte allerdings zu, so dass wir auf unsere mitgebrachten Vorräte zurückgreifen mussten.



Der weitere Weg führte uns dann gemütlich immer an der Hasel entlang in Richtung Bad Orb. In dem kleinen Seitental, durch das wir in den Ort kamen, hatte dann mein innerer Zwölfjähriger noch seinen Moment: an der Hauswand eines Fahrradladens gab es einen Automaten für Schläuche. Quasi wie ein Zigarettenautomat, nur dass der eben Fahrradschläuche ausgespuckt hat. Ein Automat, der Gummis ausspuckt mit der Aufschrift "#MEHRBUMS". Japp...

Wir waren schon im Jahr zuvor mal für einen Kurzurlaub in der Gegend und hatten uns in Bad Orb mit einer Kollegin getroffen. Schon damals hatte ich das Gefühl, dass die Stadt mehr so vom Erbe der 80er lebt. Auch dieses mal hatte ich an vielen Stellen den Eindruck des "hier war mal was los". Herzstück der Stadt ist ein großer (und durchaus schöner) Kurpark mit einer Saline. Rund um den Park gruppieren sich dann Thermalbad, Rehaklinik, Hotels etc. Sehr viel im Stil vergangener Tage (besonders das Wellness-Hotel an der Therme und die Konzerthalle atmen sehr den Geist der 80er). Möglicherweise tue ich der Stadt damit unrecht, aber ich konnte und kann das Gefühl nicht abschütteln, dass ihre besten Zeiten vorbei sind (die immer wieder auffälligen Kampagnen gegen Windräder, die den Geist von "bloß nix neues" beschwören, helfen da leider auch so gar nicht). Unser Hotel für die Nacht war das Hotel Rheinland. Auch hier wieder: beste Zeiten scheinen schon vorbei, auch wenn das Hotel durchaus angenehm zum Übernachten ist (die Webseite wirkt allerdings wesentlich moderner, als das Hotel selbst).



Zum Abendessen noch was gesundes: Kohlenhydrate, Salat, Eiweise - ein Döner und dann war der Tag auch schon zuende. Der erste ist immer recht anstrengend, da man ja erstmal wieder in das Wandern reinkommen muss.
Tag 2 - Einsames Hotel außerhalb des Ortes: Bad Orb nach Flörsbach
Nach einer entspannten Nacht und einem durchaus leckeren Frühstück im Hotel ging es weiter durch den Kurpark in Bad Orb in Richtung Flörsbach. Durch den Park ist die Strecke ganz nett (wenn auch nicht unbedingt sehr naturnah). Danach ging es dann eine Weile an der Straße nach Lettgenbrunn entlang. Die ist zwar nicht massiv viel befahren, aber schönere Ecken zum Wandern gibt es trotzdem. Erst als der Wanderweg wieder in den Wald abzweigte, wurde es wieder etwas mehr das, was wir uns unter einer Langstreckenwanderung vorstellen. Nach einiger Zeit kamen wir dann an einen Zaun mit einer etwas merkwürdigen Beschilderung.


Zu unserem Glück waren wir nicht durch fliegende Golfbälle gefährdet. Offenbar war der Platz geschlossen und es wurden gerade irgendwelche Wartungsarbeiten durchgeführt (Rasenmähen, Blätter wegpusten mit einem gigantischen, vom Rasentraktor gezogenen Laubbläser, das übliche halt). Wir konnten also ganz in Ruhe über den Platz schlendern (vom Geräusch des Laubbläsers abgesehen. Der Krach skaliert mit der Größe...)
Unser nächster Zwischenstop sollte Burgruine Beilstein sein in ihrem winzig kleinen Naturschutzgebiet. Die Ruine selbst sind im Grunde nur noch ein paar Grundmauern auf einem Hügel, eignen sich aber hervorragen für eine Pause und einen Snack zwischendurch. Man muss sich zwar ein wenig durch ein Gebüsch schleichen, aber das trägt ja letztlich zur Schönheit der Ruine bei.




Im Felsen unterhalb der Burgruine befindet sich eine kleine Höhle. Die ist mit Gittern abgesperrt, denn ihre Bewohner sind letztlich die Ursache für die Existenz dieses kleinen Naturschutzgebietes: Fledermäuse, die in der Höhle und den umgebenden Wäldern überwintern. Wir haben natürlich keine gesehen, aber wir waren auch tagsüber da und wollten sie generell nicht stören.
Nach dem kleinen Mittagssnack auf der Ruine ging es weiter um und durch Lettgenbrunn. Beim Weg durch das Dorf zeigte sich so langsam ein Problem mit meinen Wanderschuhen, dass mir das Wandern in den folgenden Tagen fast unmöglich machen sollte. Der rechte Schuh hatte einen Produktionsfehler, der zu einer harten Naht genau über meiner Achillessehne führte. An der Stelle stießen zwei Stücken Leder zusammen, die von innen auf links vernäht wurden. Da dadurch normalerweise eine merkbare Wulst entsteht, die an der Stelle wirklich unangenehm wäre, wird in so einem Fall nocheinmal durch die bestehende Naht gestochen, um sie in das unterliegende Polster zu ziehen und so vom Fuß fernzuhalten. Dummerweise war die zweite Naht zu weit oben gesetzt worden, so dass das eigentlich weiche Polster nach innen gezogen wurde, statt der störenden Naht. Die begann dadurch sehr unangenehm mitten in meiner Achillessehne zu reiben.

Nach dem (fehlgeschlagenen) Versuch, den Schuh etwas angenehmer zu gestalten, ging es erstmal eine ganze Weile bergauf, um ins benachbarte Flörsbachtal zu kommen. Der Waldweg war nich unbedingt soo massiv spannend, sondern einfach ein normaler Forstweg, der in großen Teilen geradeaus langsam bergauf führte. Auf dem Höhenzug gibt es einen netten Aussichtspunkt, an dem wir noch eine kleine Pause eingelegt haben.



Flörsbach ist ein kleines Dorf (knapp über 600 Einwohner). Nicht viel los, auch wenn es eine Kneipe gibt (die allerdings geschlossen hatte). Unsere Unkunft lag etwas außerhalb des Ortes in Richtung Kempfenbrunn. Das Gasthaus war an dem Tag geschlossen und es waren auch nicht viele Übernachtungsgäste da. Wir konnten aus unseren mitgebrachten Vorräten ein ganz nettes Abendessen zusammenstellen und haben das dann auf dem Balkon unseres Zimmers genossen. Der Abend war dann doch sehr ruhig, vor allem im Vergleich zum Abend vorher, an dem wir durch das Stadtzentrum von Bad Orb spaziert waren. Aber zumindest gab es (für Manu) lustigen Wein...

Tag 3 - Hier waren wir doch schonmal: Flörsbach nach Heigenbrücken
Der Tag ging nach einem ordentlich Frühstück erstmal recht feucht los. Wir hatten uns beim Frühstück kurz mit den einzigen anderen Bewohnern des Hotels unterhalten, die den Spessartweg gerade in die Gegenrichtung liefen. Die hatten uns schon vorgewarnt, dass es erstmal gut bergauf geht. Das an sich ist ja kein großes Problem. Das Wetter war schon eher eins: beim Aufstieg in Richtung Moosborn wurden wir erstmal ordentlich eingeregnet. Moderne Technik (d.h. Plastik) sei dank war das allerdings auszuhalten. Dafür waren die Waldwege ganz schick und abgelegen (auch wenn sie dadurch natürlich nochmal besonders nass waren. Hohes Gras und Gestrüpp halten einfach viel Wasser).
In der Nähe von Moosborn hatten wir im Jahr zuvor schonmal bei einem kleinen Spontanurlaub über's Wochenende im Auto geschlafen. Der Kurzurlaub war letztlich der Anstoß für die Wanderung. Uns hatte einfach die Gegend gefallen, ganz besonders die abgelegene Ecke rund um Moosborn.

Hatten wir auf dem Weg nach Moosborn zumindest in Teilen noch schöne kleine Waldwege, wurde es danach erstmal etwas langweiliger. Große, breit ausgebaute Forstwege führten uns in Richtung Mittagspause an der Waidmansruh. Es war nicht so recht rauszukriegen, was die Geschichte dieses Gebäudes ist. Ein sechseckiger Turm mitten im Wald an einer größeren Wiese. Man könnte fast denken, dass sich jemand hier einen teuren Ansitz zum Jagen hingestellt hat (was ja auch den Namen erklären würde). Das Gebäude war (erwartbar) abgeschlossen, so dass wir uns es auf den Treppen davor gemütlich gemacht haben, um unsere mitgebrachten Vorräte zu vertilgen. Das Wetter war ja eher nass-kalt, mit tiefhängenden Wolken (tief genug, um die Drohne in den Nebel zu fliegen), im Wald waren Kettensägen zu hören, der Platz hat insgesamt also nicht allzulang zum Verweilen eingeladen.

Danach ging es schnurgeradeaus bergab ins Aubachtal und weiter nach Habichtstal. Das Wetter hatte in der Zwischenzeit aufgeklart, so dass wir noch eine längere Pause knapp außerhalb des Ortes eingelegen konnten. Das war auch notwendig, denn so langsam machte sich meine Achillessehne wieder unangenehm bemerkbar.
Unterhalb unseres Rastplatzes steht die alte Dorfmühle von Habichtstal. Im Gegensatz zu vielen ihrer Leidensgenossinnen ist diese wunderbar hergerichtet und sogar in Betrieb (zumindest mit einem drehenden Mühlrad versehen). Leider war die Mühle abgeschlossen, so dass wir uns nicht darin umsehen konnten. Mangels Hinweistafel (oder irgendwie sinnvoll zu findender Informationen seitens der Gemeinde, außer in alten Sitzungsprotokollen des Gemeinderates) war leider nicht rauszufinden, ob die Mühle irgendwelche Öffnungszeiten hat oder ob überhaupt Technik in der Mühle verbaut ist. Unserer entspannten kleinen Pause tat das allerdings keinen Abbruch. Etwas Sonne auf dem Rücken, die (leider schmerzenden) Füße an der Luft, lies es sich schon aushalten.

Nach der kurzen Pause ging es weiter an den Aubachseen vorbei entlang des Naturschutzgebietes Spessartwiesen. Hier wird der Aubach einfach so laufen lassen und ändert daher ständig sein Bett. Die dadurch entstehenden Feuchgebiete sind Oasen des Artenreichtums (und sehen nebenbei auch noch interessanter aus, als eine akurat geschnittene Wiese oder eine Fichtenplantage). Von dort aus ging es dann über die Berge weiter in Richtung Heigenbrücken. Eine kleine weitere Pause in der Sonne zum Schafe gucken (wir brauchten nach dem nass-kalten Start in den Tag noch ein paar UV-Strahlen), etwas bergauf-bergab durch kleine Pfade, vorbei an der Mariengrotte im Bächlesgrund, dem Wildpark Bächlesgrund und dem Nordportal des (mittlerweile zugeschütteten) Schwarzkopftunnels erreichten wir schließlich die Unterkunft für die Nacht: die Villa Marburg. Manus Kommentar dazu: "Einmal Luxus geht auf so ner Wanderung." In diesem Sinne haben wir dann den Abend gemütlich im hoteleigenen Restaurant ausklingen lassen.






Tag 4 - Zwei Etappen und eine Sardinenbüchse: Heigenbrücken nach Buchenmühle/Rettersbach
Das Hotelrestaurant wollte sich auch zum Frühstück nicht lumpen lassen und hat sage und schreibe 27 hausgemachte Marmeladen aufgefahren. Darunter waren so Spezialitäten wie "Ramazotti Rosato - Orange", "Mango - After Eight" order "Heidelbeere Cola". Was Marmelade angeht bin ich ja eher Purist und habe mich daher an "NADINE's Erdbeere 100%" (sic) und Pflaumenmus gehalten. Nennt mich Weichei, aber wie sich After Eight in Marmelade schlägt, wollte ich nicht so recht rausfinden. Lecker war das Frühstück trotzdem und so konnten wir dann satt und zufrieden unsere Beine wieder in Bewegung setzen.

Aufgrund unserer bereits angeschlagenen Beine (mein Fuß war so langsam schwer auszuhalten, auch wenn ich im Laufe des Tages wenigstens noch entdecken sollte, wie sich das angenehmer gestalten lies), die so gar nicht zur nächsten Strecke passen wollten, hatten wir uns für den Tag eine Alternative zurechtgelegt und wollten die Strecke in zwei Etappen bewältigen. Dazwischen sollte uns die Bahn ein paar Kilometer abnehmen. So ging es zuerst nur 7 Kilometer bis zum Bahnhof Wiesthal. Vorn dort dann zwei Stationen nach Lohr am Main, etwas ungewöhnlich ein wenig Stadtbummel (kommt auf unseren Wanderungen eher selten vor) und dann nochmal 7 km bis zur Buchenmühle in Mariabuchen.
Für den Anfang ging es erstmal wieder gemütlich gerade dahin los. Durch die Spessartwiesen (schon wieder. Gibt's da öfter.) bis nach Fleckensteinsmühle. Zwar immer entlang der Bahnstrecke, aber zum Glück dann doch recht ruhig unter Bäumen am Lohrbach.

Ab Fleckensteinsmühle geht es dann direkt oberhalb der Bahnstrecke weiter, so dass man wenigstens die Züge auch mal sieht und nicht nur hört. Zwar nicht unbedingt unberührte Natur, aber zumindest doch auch mal interessant.


Am Bahnhof in Wiesthal ging uns dann auch das Licht auf, warum eine Zugfahrt an dem Tag vielleicht nicht die allerbeste Idee sein könnte: der Tag war der 3. Oktober und damit natürlich quasi gesetzt als Tag der Bahnüberlastung. So kam's dann auch. In der Regionalbahn bis nach Lohr am Main standen wir im Eingang wie die Sardinen. Der Zug war völlig überfüllt (aber wenigstens größtenteils pünktlich). Zum Glück waren es nur knapp 10 Minuten für unsere beiden Stationen. In Lohr haben wir's dann erstmal gerade noch so unter das Vordach eines Supermarktes geschafft, bevor ein Regenschauer durchgezogen ist. Auch mal ne Erfahrung: Frühstück unter dem Vordach eines Supermarktes im Regen.
Lohr am Main sieht sich selbst als die Schneewittchenstadt. Mit der Wissenschaft der "Fabulogie" hat man nachgewiesen, dass Schneewittchen aus Lohr gestammt haben muss und in diese Erkenntnis lehnt sich die Stadt mit Schwung. Figuren hier, Märchenstunden da. Für uns auf der Wanderung zugegebenermaßen nur mäßig interessant, aber wir haben doch die Chance genutzt, uns die Stadt ein wenig anzuschauen und dabei auch Schneewittchen auf der Parkbank zu besuchen. Lohrs Innenstadt ist regelrecht zweigeteilt: auf der einen Seite der riesige Komplex der Bosch-Rexroth-Werke, auf der anderen die teilweise mittelalterliche Altstadt mit Schloss und engen, verwinkelten Gassen. Als Touristen hat uns natürlich mehr die Altstadt interessiert. Das Lohrer Schloss (angeblicher Geburtsort Schneewittchens) ist heute ein Museum. Dafür fehlte uns zwar die Zeit, aber für ein wenig Sight Seeing von außen hat's dann doch gereicht. Leider wollte das Wetter nicht so mitspielen, so dass wir uns längere Zeit im Rathaus unterstellen mussten, aber für einen kurzen Drohnenflug zwischendurch bot sich endlich doch noch die Gelegenheit.


Nach einer kleinen Stärkung am Main mit leckerem Gebäck ging es dann weiter über die Alte Mainbrücke in Richtung Romberg. Unserem Bedarf an Stadt war für den Moment gedeckt. Die Unterkunft für den Abend hatten wir deutlich außerhalb in der Buchenmühle gebucht. Diese liegt direkt unterhalb unterhalb der Wallfahrtskirche Mariabuchen, einer ganz schön mächtigen Kirchenanlage aus dem frühen 18. Jahrhundert. Die Kirche liegt an einem steilen Abhang und blickt hinunter auf die Mühle. Für uns hieß das also: die müden (und teilweise schmerzenden) Knochen nochmal mit einem langen, steilen Abstieg quälen. Ganz wunderbar zum Ende des Tages...


Zuguterletzt angekommen, geschafft. Zu unserem Glück gab es in der Buchenmühle nicht nur Zimmer, sondern auch ein Restaurant. Sonst wäre es nämlich an dem Abend nochmal notwendig gewesen, den Berg rauf zu kraxeln zur Kirche, neben der es ein portugiesisches Restaurant gibt. So haben wir uns mit brauchbarer deutscher Küche gestärkt, bevor wir uns für die Nacht in die Zimmer zurückgezogen haben. Die Zimmer sind vielleicht noch einen Kommentar wert: die 70er haben angerufen und wollen ihre Zimmer zurück! Die Betten weich, die Fließen braun-grün, viel Holz an den Wänden, alles sehr vergangene Jahrzehnte. Keineswegs schlecht oder gar irgendwie unangenehm, aber halt alles sehr veraltet. Nach so einem Wandertag stört einen das nicht wirklich, solange das Bett trocken und gemütlich ist, aber Urlaub würde ich so nicht unbedingt machen wollen. Mitten in der Nacht (OK, fairerweise: morgens um 5) wurden wir dann auch noch von einem Müllfahrzeug geweckt, dass direkt unter dem Fenster vorbeikroch. Das will ich jetzt nicht notwendigerweise gegen die Zimmer verstanden wissen. Irgendwann muss der Kram ja geholt werden. Aber es beeinflusst natürlich mein Bild der Nacht.
Wie immer schreibe ich den Reisebericht ja etwas später (Anfang 2026, um genau zu sein). Beim Versuch die Webseite der Buchenmühle zu verlinken, ist mir aufgefallen, dass wir offenbar zu den letzten Gästen der Buchenmühle überhaupt gehört haben dürften. Einige Wochen nach unserer Wanderung ging das Gasthaus in die Winterruhe, aus der es nicht wiederkam. Mittlerweile ist die Webseite vom Netz und Google listet das Restaurant als "dauerhaft geschlossen". Januar 2026 war for 1,2 Mio. € zum Verkauf gelistet, falls jemand will. Die Anzeige ist mittlerweile (März) allerdings offline.
Tag 5 - Wälder und eine Ruine: Buchenmühle nach Langenprozelten
Nach der insgesamt trotzdem recht ruhigen Nacht und einem OK Frühstück (Brötchen mit den üblichen Aufstrichen. Nicht schlecht, nichts außergewöhnliches.) ging es dann aus dem kleinen Taleinschnitt für den letzten Abschnitt unserer Wanderung. Zuerst rauf auf die Hochebene nach Rettenbach und von dort aus dann weiter in Richtung Hofstetten, um dann am Main entlang bis zur nächsten Brücke zu laufen. Unser Ziel für den Tag lag schließlich auf der Nordseite des Mains, während wir auf der Südseite gestartet waren.
Wir hatten es bis nach Rettersbach geschafft, bevor mir einfiel, dass ich ja eigentlich noch ein paar Luftbilder der Kirche und des Gasthofes machen wollte, was ich natürlich in meiner ganz eigenen Verwirrung am Morgen vergessen hatte. Zum Glück ist die Reichweite der Drohne groß genug, so dass die schnell noch die paar Meter zurückfliegen und ein paar Bilder machen konnte. Aus etwas größerer Höhe, als geplant, weil ich natürlich nicht unter den Horizont gehen kann (weder legal, noch technisch).


Danach ging es dann über einigermaßen langweilige, breite Wald- und Feldwege nach Halsbach und von dort weiter zur Burg- und Klosterruine Schönrain. Die war dann doch nochmal ein kleines Highlight. Traumhaft oberhalb des Mains am Waldrand gelegen bietet sie schöne Ausblicke in freier Natur. Die Technikbegeisterten können sich am Anblick der Züge auf der Maintalbrücke Nantenbach ergötzen, die direkt unterhalb der Burg in einem Tunnel endet. Die Ruine hat eine durchaus bewegte, fast tausendjährige Geschichte, erst als Kloster, später als Wohnschloss und zuguterletzt als Amts- und Forsthaus. Nachdem das dann aber 1818 auch noch woandershin verlagert wurde, wurde das Schloss zu der Ruine, die da heute noch steht (die Tatsache, dass die letzten Besitzer das Dach mitgenommen haben und die Überreste von den Bauern in den umliegenden Ortschaften geplündert wurden, hat das ganz erheblich beschleunigt).
Ich hatte mir die Ruine schonmal ausgeguckt, um die Drohne für ein paar schöne Fotos steigen zu lassen. Dort angekommen musste ich dann feststellen, dass es einer gewissen Luftraumüberwachung bedurfte: zwei andere Drohnenpiloten waren dort mit ihren POV-Drohnen und turnten durch's Gebäude. Da wir völlig unterschiedliche Ziele hatten (ich: Fotos, die: Akrobatik), konnten wir uns aber gut aus dem Weg gehen. Die beiden hatten im Turm (einem der wenigen Gebäude mit Dach) übernachtet, um in Ruhe fliegen zu können.



An der Ruine holte uns dann der erste Regenschauer für den Tag ein. Dankenswerterweise gibt es ein paar überdachte Bereiche, die wir uns dann mit ein paar weiteren Wanderern teilen mussten. Wir haben dann die Gelegenheit genutzt, ein wenig was zu essen, um dann halbwegs trockenen Fußes weiter in Richtung Hofstetten zu ziehen. Dort hatten wir dann noch einen kurzen Regenguss unterm Baum abzuwarten und den Effekt "So nah und doch so fern": Hofstetten und Langenprozelten (wo wir unser Hotel hatten) liegen sich direkt gegenüber. Dummerweise sind dazwischen rund 130 Meter fließendes Wasser und die nächste Brücke ist ein ganzes Stück flussaufwärts. Also lagen nochmal gut 2 Kilometer den Fluss rauf, rüber über die Brücke und wieder 2 Kilometer zurück vor uns. Die Strecke zieht sich dann schon ziemlich... Man kann das Ziel fast die ganze Zeit sehen (so ein Flusstal ist halt flach und an der Stelle auch noch ziemlich geradeaus) und es kommt und kommt nicht näher. Unsere Beine und Füße schmerzten an dem Tag schon ziemlich (ich habe innerlich die kaputten Schuhe mal wieder verflucht), was die letzten Kilometer nochmal länger gemacht hat. Zumindest gab es unterwegs noch ein paar interessante Dinge zu sehen (da wir uns entschieden hatten, zugunsten der schöneren Wegstrecke zumindest ein paar hundert Meter mehr zu laufen). Etwas Kunst am Bau am Wasserwirtschaftsamt, eine weitere Bahnstrecke, die direkt von der Brücke im Tunnel verschwindet, ein paar schöne Wiesen... Zuguterletzt kamen wir dann wie geschlagene Helden im Hotel Imhof. Leckere Burger, Flammkuchen und Späzle zum Abendessen (getrennte Gerichte. Sonst wären wir geplatzt.) und ein paar Cocktails zum Ausklang haben uns dann doch mit dem Tag noch wieder versöhnt.


Abreise
Wir hatten noch am Abend die bisher aufgelaufenen Kilometer zusammengerechnet und beschlossen, dass 107 km genug waren. Daher baten wir das Hotel, uns am nächsten Morgen am Bahnhof in Gemünden abzusetzen. Früh am Morgen war da verhältnismßig wenig los, aber für einen Volltrunkenen, der mehrfach über den Bahnsteig kullerte, hat's dann doch gereicht. Der war dann auch noch mit in unserem Zug unterwegs, stieg aber dankenswerterweise nach zwei Stationen aus. Wir mussten ja zurück nach Schlüchtern zum Auto. Das waren gut 45 Minuten mit der Bahn, für die wir 5 Tage zu Fuß gebraucht hatten. Das Auto war dann schnell abgeholt und wir konnten uns auf die Rückreise begeben.
Was bleibt als Fazit? Nach dem unglaublich schönen Dahner Felsenland im Jahr zuvor hatte es der Spessart natürlich schwer. Das teilweise mittelmäßige Wetter und die (aus verschiedenen Gründen) kaputten Beine und Füße haben einen guten Eindruck nicht gerade leichter gemacht. Aber selbst ohne das muss man sagen, dass der Wanderweg eher mittelmäßig war. Zuviele schnurgerade, zweispurige Waldwege, zu wenig Abwechslung. Es gibt die einzelnen Lichtmomente: das Tal der Hasel am ersten Tag, die Saline und der Kurpark in Bad Orb, der abgefahrene Weg über den Golfplatz, die Ecke rund um Habichtstal oder die Ruine Schönrain können sich schon sehen lassen. Eine lange Wanderstrecke wird aber eben auch immer stark von den begangenen Wegen bestimmt. Und da fehlten die kleinen Pfade quer durch's Unterholz mit überraschenden Ausblicken von Zeit zu Zeit ein wenig. Die Wanderung war schön, aber auch sicher nichts, was wir heute oder morgen wiederholen wollen.